Jürgen Kasek: Über den Umgang mit Kritik

In Leipzig gibt es inzwischen einen Diskurs darüber, wie man mit den Montagsmahnwachen und der „neuen Friedensbewegung“ umgehen will. Eine Auseinandersetzung, deren Notwendigkeit einer der Ausgangspunkte war, die zur Gründung des KFL führten.

Gerade die Notwendigkeit dieser Diskussion wird aber von Teilen der Friedensbewegung in Leipzig nach wie vor negiert. Eine Gesprächsbereitschaft besteht in weiten Teilen nicht. So wird über den Attac Verteiler die Aufforderung geschickt, nach einer Veranstaltung mit Reiner Braun, an der auch Frank Geppert (PEGADA, Endgame, inzwischen LEGIDA) unkritisiert teilnahm, die eingebrachte Kritik zu ignorieren. Mit Reiner Braun wird ein kontroverser Diskutant eingeladen, Diskussionen sind aber nicht erwünscht und werden als Störung ausgegrenzt.

Immer wieder fällt dabei auf, dass die Argumentationslinien der Montagsmahnwachler und deren Verteidiger die Gleichen sind. Auf die entgegengebrachte Kritik an der „Querfront“ wird mit dem Versuch reagiert, die Notwendigkeit oder die Form der Kritik zu delegitimieren. Den Kritikern wird dabei vorgeworfen „Spalter“ oder Apologeten des Kapitalismus zu sein, die im Grunde ihres Herzens als neoliberale Brigade des Mossad agieren würden. Der andere Versuch der Delegitimierung besteht darin einzelne Kritiker herauszugreifen und diesen Personen unlautere Bewegründe zu unterstellen. Die Auseinandersetzung ist daher keine Auseinandersetzung über das Geschehene und über Strukturen, sondern wird auf der Ebene persönlicher Anwürfe geführt.

Diese Überpersonalisierung verhindert aber eine offene Debatte.

Voraussetzung dieser dringend notwendigen Debatte ist, dass bestehende Positionen in Frage gestellt werden können und die Bereitschaft besteht eigene Meinungen und Positionen zu überdenken, um Raum für eine Aufarbeitung zu schaffen. Eine Aufarbeitung, die auch diejenigen leisten müssen, die die offene Auseinandersetzung einfordern.

Die eigene Rede

Gegen meine Person wird vorgetragen, dass ich selbst auf einer der späteren Montagsdemos gesprochen habe und damit ebenfalls Teil der Querfront sei. Genutzt wird das Argument offenbar um meine Person zu diskreditieren bzw. die berechtigte Kritik, in Zweifel zu ziehen.

Die Rede, die ich am 18.08.2014 in Leipzig hielt und die im Wesentlichen eine Kritik an der Rezeption der Medien und der Fehleinschätzung der Montagsmahnwachen zu diesem Thema war, geschah vor dem Hintergrund der angenommenen Spaltung der Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt gingen ich und andere davon aus, dass sich die Montagsmahnwache in einen Berliner Teil und einen restlichen geteilt hätte. Diese Teilung gab es zwar auf organisatorischer Basis, die Redner, was mir damals verborgen blieb, waren aber offenbar dieselben.

Aus heutiger Sicht ist zu konstatieren, dass diese Spaltung als solches nicht stattgefunden hat und heute immer wieder die Gemeinsamkeit zwischen alter und neuer Friedensbewegung betont wird, ohne auf die vorgebliche Spaltung Bezug zu nehmen.

Es gab bereits mit dem Auftreten der Montagsmahnwachen eine Auseinandersetzung, wie man mit dem neu aufgekommenen Phänomen umgeht und die Frage tauchte auf, ob man nicht offensiver dort auftreten müsse, um dem völkischen und zum Teil antisemitischen bis verschwörungsideologischen Gedankengut und Teilnehmern, die diesem zuzordnen sind, entgegenzutreten. Aufgrund der Orga-Struktur und der bereits damals bekannten, deutlich wahrnehmbaren zentralen Koordinierung aus Berlin, wurde von der Idee Abstand genommen. Der Umgang in wesentlichen Teilen der Zivilgesellschaft beschränkte sich daher auf Ignorieren der Veranstaltung und vereinzelte kritische Teilnahme und Beobachtung.

Der Versuch, Montagsmahnwachen mittels eigener Redebeiträge und Arbeit zu übernehmen und den besorgten Teilnehmer*Innen einen Raum für ihre Sorgen zu schaffen, ohne Verschwörungsfantasien und ohne Antisemitismus und damit sich klar von der zentralen Orga in Berlin zu distanzieren, muss aus heutiger Sicht als gescheitert eingestuft werden.

Es ist nicht gelungen sich von verschwörungsideologischen Vorstellungen zu distanzieren und die Montagsmahnwachen zu einem emanzipatorischen Projekt zu machen. In meiner Rede hatte ich die Voraussetzung dafür selber benannt: eine analytische Auseinandersetzung mit Kapitalismus und militärischen Konflikten, die sich nicht in einer binären Weltsicht erschöpfen darf. Dies ist nicht gelungen. Weder durch eine klare Haltung der Organisatoren, noch durch deutlichen Widerspruch an antisemitischen Äußerungen und Verschwörungsfantasien. Vielmehr wurde ein offener Raum geschaffen, dessen diskursive Grundlagen nicht festgelegt wurden.

Eine Haltung zu Verschwörungsfantasien, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wurde durch die Organisatoren nicht ausreichend entwickelt und kommuniziert.

Im Rahmen der oben geforderten Auseinandersetzung ist dabei auch mein eigener Redebeitrag einzuordnen, der ebenfalls der oben getroffenen Einschätzung über die Möglichkeit der Kritik der Veranstaltung, durch Teilnahme an der Veranstaltung, unterliegt.

Fazit

Es ist zu konstatieren, dass durch das Fehlen einer klaren Haltung und Teilnahme von langjährigen Friedensaktivisten an den Montagsmahnwachen bestimmte Positionen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit etabliert wurden.

Ich zweifle dabei nicht an der Lauterkeit der handelnden Personen der Friedensbewegung aus Leipzig, die in ihrem Antwortbrief auf das Schreiben der Courage Preisträger, selber ihre Zielsetzung benannt haben.

Die vorgebrachte Kritik ist daher keine Kritik an den Gründen des Handelns von Teilen der Friedensbewegung in Leipzig und auch keine Kritik am Versuch Menschen auf der Suche nach Frieden Halt zu geben. Die Kritik entfaltet sich an der vorgenommenen Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, die für eine analytische Herangehensweise unabdingbar ist.

Die Auseinandersetzung ist daher ausdrücklich keine persönliche Frage sondern eine strukturelle. Es ist zu bedauern, dass Teile der Friedensbewegung die Kritik an den Montagsmahnwachen und dem eigenen Agieren dabei immer noch kategorisch ablehnen.

Die Einschätzung, dass Verschwörungsfantasien und Einstellungsmuster der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit durch die Montagsmahnwachen breiteren Raum gefunden haben und damit auch eine Grundlage für die Stärke von LEGIDA geworden sind, lässt sich eben nicht ohne weiteres wegdiskutieren oder ignorieren.

Jürgen Kasek – Leipzig, 02.06.2015