„Wessen Frieden ist der Frieden? Ein Jahr nach den Montagsmahnwachen“

Unser Erfahrungsbericht zum Podiumsgespräch mit Torsten Schleip (Friedenszentrum / DFG-VK) und Florian Illerhaus (KFL) am Mittwoch, 17.06.2015 im Linxxnet.

Der wohl eindrücklichste und auch bezeichnendste Moment des Abends war für uns das Ende der Veranstaltung. Nach Torsten Schleips abschließendem Statement wurde Florian Illerhaus das Wort für seine Schlussrede gegeben. Mitten im Statement wurde die, an diesem Moment sachliche Stimmung im Raum, durch von einer dem Friedenszentrum Nahestehenden aus dem Publikum aufbrausend unterbrochen. In aggressiv schreiendem Tonfall ergossen sich dieselben Vorwürfe und Anschuldigungen wie zuvor, als hätte es den ganzen Abend im Gespräch, in dem auch die Schreierin mehrfach zu Wort gekommen war, nie gegeben. Aller vorigen teilweisen Verständigung zum Trotz nahmen nun viele der anwesenden Friedensbewegten diesen Ausbruch zum Auslöser, selber wutentbrannt aufzuspringen und demonstrativ den Raum zu verlassen. „So lasse ich nicht mit mir reden!“ wurde gemurmelt, bezeichnender Weise bezog sich solcherlei Aussage nicht auf die kreischend vorgebrachte Unterbrechung, sondern auf die sachlichen Äußerungen des KFL-Vertreters auf dem Podium. Diskussion wird da schwierig, wo Beleidigungen wie zu jung, zu dumm, etc. von der Seite kommen, die gleichzeitig die Haltung kultiviert, sie würde durch sachliche Recherche selber diffamiert werden.

Bereits während der Diskussion wurde deutlich, dass eine sachliche Debatte darüber, wer und welche Gruppen in friedenspolitischer Hinsicht bündnisfähig sein können, durch die aggressive Reaktion der damals an den umstrittenen Montagsmahnwachen in Leipzig beteiligten Friedensaktivist_innen auf Kritik und Reflektionsforderung kaum möglich ist.
Beispielhaft hierfür zeigen wir die Reaktion des „Friedenszenrums“ auf die Kritik an einer Rede eines stadtbekannten Rechtsradikalen auf einer Montagsmahnwache im November letzten Jahres: Zuerst wurde es komplett geleugnet („Das kann ich mir nicht vorstellen!“), danach relativiert („Er hat auf keinen Fall 20 Minuten lang geredet!“) und schließlich passierte folgendes: Eine Friedensaktivistin versuchte Schleip, der auf diesen Umstand angesprochen und vor Ort gewesen war, zu entlasten indem sie einräumte an diesem Tag die Anmelderin der Veranstaltung gewesen zu sein. Dann zeigte sie auf ihren Nebenmann und verwies auf seine Verantwortung zu besagter Rede die Ordnerleitung gehabt zu haben. Dieser, sichtlich aus Lethargie geweckt, nahm nach kurzer Orientierungslosigkeit die Schuld auf sich („Es war mein Fehler, für den ich mich entschuldige!“).
Dabei geht es doch nicht um Schuldfragen, sondern um die längst überfällige Annahme der Verantwortung der friedenspolitisch handelnden Akteur_innen gegenüber der Kritik Rechtsradikalem Gedankengut eine Plattform geboten und mit der eigenen Reputation ein Feigenblatt für Rechtsradikale abgegeben zu haben, die dadurch ihre Aussagen in einem gesellschaftlich etablierten Rahmen äußern konnten. Diese blieb aus. Das ohrenbetäubende Schweigen der Friedensbewegten nach der beschämenden Entschuldigung ihres Mitstreiters lässt Bände auf die Solidaritätsvorstellungen innerhalb der Szene sprechen.
Insgesamt bestimmten empörte Kritikabwehr und persönliche Angriffe gegen die Kritiker_innen die Rhetorik der, wegen ihrer Offenheit zu Neurechten und Verschwörungsfanatiker_innen kritisierten, Friedensaktivist_innen. Beispielhaft hierbei, die, von Torsten Schleip im Nebensatz verpackte, Herabsetzung eines Leipziger Couragepreis-Trägers: Schleip habe sich schließlich im letzten Jahr sowohl mit Ken Jebsen als auch Frank Kimmerle das Mikrofon geteilt, und versucht damit den Verschwörungsideologen und Menschenfänger Jebsen mit dem Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Haus e. V., der sich klar von Neurechten distanziert, auf eine Stufe zu stellen. Dabei wird wieder deutlich, dass diese Gleichsetzung letztendlich nur der einen Seite nutzt, die dadurch eine Aufwertung durch die gesellschaftliche Akzeptiertheit der anderen Seite erfährt.

Ein weiterer Punkt unserer Kritik ist die Fehleinschätzung der Friedensaktivist_innen, wer für eine relevante Masse an Menschen bestimmt hat, wie die Montagsmahnwachen interpretiert wurden. Der gebetsmühlenartig wiederkehrende Vorwurf an den KFL: „Wo wart ihr auf der Straße? Bei welchen Aktionen habt ihr denn Leute auf die Straße gebracht?“ zeigt, wie sehr sich die Akteur_innen darauf versteift haben, einzig Relevanz und Augenmerk auf das Etablieren einer Bewegung auf der Straße zu richten. Wobei 100 Leute bei einer Kundgebung als Addressaten unverhältnismäßig wichtiger eingeschätzt wurden, im Vergleich zu hunderte oder tausende, die über Neue Medien erreicht werden. Die Friedensaktivist_innen glauben durch diese Fehleinschätzung daran, die „Mahnwachenbewegung“ nachhaltig beeinflusst zu haben, da sie sich ausschließlich auf die wenigen Personen vor Ort konzentrieren. Das finden wir fatal, denn die entscheidenden Multiplikatoren fanden auf Facebook statt. Da bei der Verbreitung im Internet deutlich rechte Strukturen und Denkmuster dominierten, verschiebt das die Interpretation für den Großteil der erreichten Addressaten relevant. Die Reichweite, der unter diesem Label im Internet geteilten Inhalte, erreichte innerhalb einer Woche über eine halbe Million Menschen. Daher ist der Schaden, den die Montagsmahnwachen in einem bis dahin wenig politisierten und daher leicht beeinflussbaren Spektrum angerichtet haben immens. Neurechte Methoden, die politische Linke als Deckmantel zu verwenden, um sich in ein gemachtes Nest zu setzen und damit gesellschaftliche Akzeptanz von gefährlichen menschenfeindlichen Einstellungsmustern zu schaffen, müssen aufs deutlichste zurückgewiesen werden. Das erfordert eine klare Abgrenzung gegenüber menschenfeindlichen, verschwörungsideologischen Gedankenguts und Personen.

Kritischer Frieden Leipzig, 24.06.2015


2 Antworten auf „„Wessen Frieden ist der Frieden? Ein Jahr nach den Montagsmahnwachen““


  1. 1 42 29. Juni 2015 um 15:31 Uhr

    Wer soll denn dieser „stadtbekannte Rechtsradikale“ sein?

  2. 2 Administrator 06. August 2015 um 13:36 Uhr

    Der Leipziger Stephane Simon redete mehrfach letztes Jahr auf den Montagsmahnwachen, später dann auf der Dresdner Pegida-Bühne und neuerdings beim sogenannten „GIDA-Dachverband“, eng verknüpft mit der Gruppe „Widerstand OST-West (WOW)“. Inhaltlich vermittelt er u. a. Thematiken der Reichsbürger.

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