Unser Redebeitrag bei ‚Legida? Läuft nicht!‘ am 09.11.2015

Die Opfer der Reichspogromnacht von 1938 werden in vielen Beiträgen oft zwischen 90 und 100 bestimmt, die an diesem Datum deutschlandweit umgekommen seien. Es gibt aber auch Angaben, die von über 200 sprechen. Die Anzahl der ermordeten Menschen, im Zusammenhang mit dem Ereignis der Novemberpogrome, dürfte wesentlich höher liegen.

In Leipzig wurde der Arzt Felix Cohn erschossen, als er die nächtliche Zerstörung seiner Praxis verhindern wollte. Die gezielten Verhaftungsaktionen begannen um 7 Uhr am Morgen des 10. November und dauerten fünf Tage lang an. Über 550 Bewohner der Stadt wurden in dieser Zeit unter Anderem in das KZ Buchenwald deportiert.

Im Novemberpogrom manifestiert sich der Absturz einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft in der Legitimation für barbarische Gewaltanwendung. Die Plünderungen von jüdischem Hab und Gut und Demütigungen von Juden und Jüdinnen vollzogen sich Mitten in Leipzig, vor aller Augen, so auch in dieser Straße. Aus den nordwestlichen Stadteilen wurden Menschen in das ausgemauerte Flussbett der Parthe getrieben, geschlagen, misshandelt und anschließend unter Beaufsichtigung der SA auf LKWs abtransportiert.

So weit bekannt wurden in Leipzig sieben Synagogen und Gebetshäuser, 193 Geschäfte, eine Schule, zwei Friedhöfe und 34 Wohnungen Ziel von Brandanschlägen und Verwüstung.

Wie überall in Deutschland wurden auch hier in der Stadt die Synagogen angezündet, bis auf die kleine, bis heute bestehende Gemeinde in der Keilstraße, die sich dort drüben, auf der anderen Seite des Flusses im Lörscarre befindet. Das Gebäude ist nur deshalb vor den Flammen verschont geblieben, weil es inmitten einer Häuserreihe liegt und ein Brand unweigerlich auf die umliegenden Wohnhäuser übergegriffen hätte.

Es sollte aussehen wie der “spontane Ausbruch des Volkszorns gegen die Juden”. In Wirklichkeit war es eine sorgfältig vorbereitete Aktion. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war Auftakt für die beispiellose Verfolgung und industrielle Vernichtung von Menschen. Juden und Jüdinnen, Sinti, Roma, Homosexuelle, körperlich und geistig Beeinträchtigte, Erwerbslose, politisch Andersdenkende und all jene, die von den Nazis als “nicht lebenswert’ eingestuft wurden.

Bei den Nazis wird diese Nacht bis heute beschönigend “Reichskristallnacht” genannt. Mit dem Wort “Kristall” wurde schon damals etwas Glänzendes verbunden. Niemand sollte diesen Begriff mit Brandstiftung, Zerstörung, Plünderung, mit Mißhandlung und Demütigung von Menschen in Verbindung bringen. Aber genau das war es, was seiner Zeit in ganz Deutschland geschah.

Für heute ist dem PEGIDA-Ableger in Leipzig eine stationäre Kundgebung zuerkannt worden, „LEGIDA? läuft nicht!“ wurde sozusagen schon im Vorfeld umgesetzt. Dass die Forderung nach einem Verbot oder der Beauflagung an einen anderen Ort keine Beachtung fand, ist mehr als bezeichnend für die aktuelle Situation.

Es führt eine logische Kette vom totalitären, völkisch-homogenen Denken von damals zu eben jenem verbreiteten Einstellungsmuster von heute. Man muss die PEGIDA-Bewegung bennen, als das was sie ist: Eine Ideologie, die so eindeutig in faschistischer Tradition steht, dass ihre bloße Anwesenheit an diesem Tag das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der Shoa mit Füßen tritt.

Kritischer Frieden Leipzig, 10.11.2015