„Willkommenskultur“ um jeden Preis? Eine Rede zum Brückenfest 2.0 am 19.06.2016

Hallo und auch von uns Herzlich Willkommen an alle Gäste auf dem Brückenfest-Zwei-Punkt-Null!

Unsere Anerkennung gilt den Menschen, die an diesem Ort eine kleine Tradition begründet haben. Mit der zweiten Auflage des Brückenfests verbindet sich ein wichtiger Aspekt gesellschaftlichen Engagements, die Kontinuität.
Beständigkeit hat die OrganisatorInnen vom Aktionsnetzwerk Leipzig nimmt Platz auch beim Protest gegen LEGIDA ausgezeichnet. Unablässig wurde sich der Verbalisierung von Menschenfeindlichkeit auf der Straße entgegen gestellt und der Erfolg der Bewegung hier vor Ort entschieden begrenzt.

Im Vergleich mit Dresden, wo die Menschen bekanntermaßen einen anderen Umgang gewählt haben, ist Leipzig dennoch keine Insel der Glückseligkeit.
Mit PEGIDA hat sich eine soziale Bewegung von Rechts durchgesetzt. Damit werden wir in naher Zukunft wohl nicht vor dem Ende, sondern eher am Beginn einer Zäsur stehen.

Nach anderthalb Jahren führen wir in dieser Stadt mittlerweile einen Kampf vor, der unter den gegebenen Bedingungen beim besten Willen nicht zu gewinnen ist.
Die Radikalisierung unserer Gesellschaft ist nachhaltig gewesen, daraus muss an der Stelle keine Wissenschaft gemacht werden. Interessant ist da eher der Zeitraum, in dem uns das bewusst werden musste.

In Sachsen haben katastrophale Zustände – bei der Unterbringung von Geflüchteten in Zelten und Turnhallen – eine Art Begleitmusik gespielt, zur Eskalation und dem massivem Anstieg rechts-motivierter Übergriffe. Zuvor geschürter Hass wurde zu Gewalt. Freital, Heidenau. Jeder kennt die Namen. Es ist Rechtsradikaler Terrorismus.
Gleichzeitig begannen viele ihr Engagement in der Hilfe für Geflüchtete. Dazu verbreitete sich das Selbstverständnis, mit dem freiwillige Hilfe zum politischen Statement verklärt wird. Bis heute setzt sich dazu leider kein überzeugender Widerspruch durch.
Nach einem Jahr darf jedenfalls als Tatsache anerkannt werden, dass die politisch Verantwortlichen mit Bravour versagt haben. Allein schon deshalb, weil sie der großen Bereitschaft zur Integration kaum Möglichkeiten zur Verfügung stellen konnten, vom geradezu vollständigen Bankrott des Innenministeriums wollen wir gar nicht sprechen.

Aktuell bleiben nicht wenige der bestellten Unterkünfte leer. Das Rote Kreuz entlässt zum Monatsende Hunderte Mitarbeiter, die letzten Herbst noch Händeringend gesucht worden. Doch während des Fastenmonats Ramadan haben sie nun in einigen Einrichtungen, auch hier in Leipzig freiwillige Helfer rekrutieren wollen, um Abends nach Sonnenuntergang an die gläubigen MuslimInnen beim Fastenbrechen das Essen auszugeben.

Zur Entwertung vom Begriff der “Willkommenskultur” hat viel guter Wille beigetragen, solche Veranstaltungen wie heute sind da leider nicht ausgenommen.
Hand in Hand gegen Rassismus ist ein erstrebenswertes Ziel, doch als einmalige Aktion für schöne Bilder einfach zu wenig. Bei vielen Projekten fehlt es an einem Bruchteil der Ressourcen, welche für diesen Tag aufgewendet wurden.

Wenn doch Geld offensichtlich vorhanden ist, sollte es dazu genutzt werden längerfristiges ziviles Engagement weiterzuentwickeln, bestehende Initiativen damit stärken, sowie mehr Teilhabe und Mitgestaltung zu ermöglichen.
Integration ist ein wechselseitiger Prozess in der Gesellschaft, es braucht dafür keine aufwendigen Gesetze. Wo eilige Maßnahmenkataloge als erstes Sprachbarrieren überwinden sollen, fehlt ein langfristiger Plan zur interkulturellen Verständigung. Dazu bedarf es allerdings ein anderes Verständnis der Politik.

Auf unterschiedlichen Ebenen muss kleinteilige, kontinuierliche Arbeit geleistet werden. Wir hoffen, dass wir diesen Prozess konstruktiv miteinander gestalten können!

Zum Schluss wünschen wir uns allen noch einen schönen Abend und bis zur hoffentlich 3. Auflage des Brückenfestes!